Ein wissenschaftliches Konzept

Das Konzept der Hochsensibilität, auf das sich heute alle seriösen Experten und Autoren beziehen, geht zurück auf Dr. Elaine N. Aron, eine US-amerikanische Psychologieprofessorin, klinische Psychologin und Psychotherapeutin, die Anfang der 1990er Jahre begann, sich eingehend mit dem angeborenen Wesenszug hoher Sensibilität auseinander zu setzen.

Für den ‚Trait‘ (angeborener, unveränderlicher Wesenszug) der hohen Sensibilität prägte Aron den allgemeinsprachlichen Begriff ‚High Sensitivity‘ (Hochsensibilität, manchmal auch sehr wörtlich mit Sensitivität übersetzt) bzw. den wissenschaftlichen Terminus ‚Sensory Processing Sensitivity‘ (Reizverarbeitungssensibilität). Die Abkürzung ‚HSP‘ steht im Englischen für Highly Sensitive Person, im Deutschen für Hochsensible Person(en).

Elaine Aron wollte mit der negativen Voreingenommenheit gegenüber hochsensiblen Menschen aufräumen und erreichen, dass Hochsensibilität nicht länger verwechselt wird mit Gehemmtheit, Schüchternheit, Ängstlichkeit, auch nicht mit Introvertiertheit und Neurotizismus und schon gar nicht als psychischen Störung oder Krankheit missverstanden wird.

Nach Arons Kurz-Definition hat eine HSP ein empfindliches Nervensystem, nimmt innere und äußere Reize verstärkt wahr, bemerkt Feinheiten in ihrem Umfeld und ist leichter überreizt von einer stark stimulierenden Umgebung. Ihrer Erkenntnis nach gehören 15–20 Prozent der Menschen – Männer wie Frauen – zur Gruppe der Hochsensiblen. Die Veranlagung zur Hochsensibilität ist erblich.

Dem neurowissenschaftliche Erklärungsansatz zufolge liegt die Reizempfindlichkeit von HSP nicht in den Strukturen der Sinnesorgane selbst begründet, sondern in der Konstitution des Nervensystems, in der Art der neuronalen Verarbeitung der Sinneseindrücke. Untersuchungen mit Hilfe der Magnetresonanztomografie liefern Hinweise darauf, dass bei HSP eine erhöhte Aktivität im Zwischenhirn vorliegt. Bei ihnen laufen die Reizverarbeitungsvorgänge im Gehirn insofern anders, als im Zwischenhirn mehr Reize als relevant eingestuft, an die Großhirnrinde weitergeleitet und damit bewusst werden. Einfach ausgedrückt: Die Wahrnehmungsfilter von HSP sind durchlässiger, wodurch HSP viel mehr Wahrnehmungen zu verarbeiten haben.

Jetzt 6 statt 4 Merkmale

Bislang nannte man in der Forschung vier Facetten der Hochsensibilität, die sogenannten D-O-E-S-Merkmale (nach Elaine Aron):

  • D (Depth of Processing) → Verarbeitungstiefe
  • O (Overstimulation) → Überstimulation
  • E (Emotional Reactivity and Empathy) → Emotionale Reagibilität und Empathie
  • S (Sensitivity to Subtleties) → Wahrnehmung von Feinheiten

Im August 2025 veröffentlichte Elaine Aron auf ihrer Website einen Blog-Artikel, in dem sie darauf hinwies, dass man nun 6 statt 4 Merkmale von Hochsensibilität angibt, um Hochsensibilität umfassender und neutraler zu beschreiben und mehr die positiven Seiten der Hochsensibilität zu integrieren. Neu hinzugekommen sind die Begriffe Social Sensitivity und Sensitivity to Positive Experiences.  Elaine Aron und Michael Pluess (Queen Mary University of London) haben sich bezüglich dieser Ergänzung der Merkmale abgestimmt.

Demnach sind die Merkmale von Hochsensibilität nun folgende:

  • Sensitivity to Details Detailwahrnehmung
  • Depth of Processing → Verarbeitungstiefe
  • Social Sensitivity → Soziale Sensitivität*
  • Sensitivity to Positive Experiences → Sensitivität* für positive Erlebnisse
  • Emotional Reactivity → Emotionale Reagibilität
  • Overstimulation → Überstimulation

*Sensitivität im Sinne von Empfindsamkeit/Empfänglichkeit.
Zur Detailwahrnehmung gehört auch eine niedrige Wahrnehmungsschwelle, was bedeutet, dass eine aufmerksame, umfangreiche und intensive Wahrnehmung über alle Sinne gegeben ist. Verarbeitungstiefe ist die Art zu denken: gründlich, analysierend, vernetzt, übergreifend, schlussfolgernd. Die emotionale Reagibilität schließt ein, dass Emotionen intensiv erlebt werden und lange nachhallen. Überstimulation kann auch treffend mit leichter Erregbarkeit beschrieben werden. Sowohl die Erweiterung um den sozialen Aspekt als auch die Betonung der Empfänglichkeit für positives Erleben begrüße ich sehr, weil sie den ausgewogenen Blick auf das Hochsensibelsein erleichtern .

Zwei weitere Begriffe, die in verschiedenen Arbeiten der Londoner Forschungsgruppe genannt werden, finde in noch erwähnenswert:
Das ist zum einen die ausgeprägte Empathie von HSP. Diese ist in erster Linie bei der emotionalen Reagibilität einzuordnen, ist aber auch stark verknüpft mit der sozialen Sensitivität.
Zum anderen die Ästhetische Empfindsamkeit, die in Verbindung steht mit der Detailwahrnehmung und der emotionalen Reagibilität. Der Sinn für Ästhetik meint die positive emotionale Reaktion auf die feinen Details, wenn sie als schön und harmonisch empfunden werden, sei es in der Natur, in der Kunst, in der Musik oder in der Gestaltung von Räumen.

Selbsterkenntnis ermöglicht Selbstannahme

Hochsensible Menschen haben häufig Selbstzweifel, empfinden sich selbst aufgrund der Reaktionen ihrer Umwelt nicht nur als anders, sondern oft als nicht in Ordnung, häufig auch als nicht zugehörig, als nicht in die Welt passend. Sätze wie „Sei nicht so empfindlich“, „Das bildest du dir nur ein“ und „Was hast du jetzt schon wieder?“, die sie in ihrem Leben unzählige Male gehört haben, haben sie immer wieder verunsichert und ihr Selbstbild nachhaltig geprägt. Es ist so wichtig, sich gründlich über die Erkenntnisse zur Hochsensibilität zu informieren, auch die Stärken zu zu sehen und das Bild zurechtzurücken.

Das Konzept der Hochsensibilität als gültig anzuerkennen und auf sich zu beziehen ist eine wichtige Voraussetzung dafür, die eigene Wesensart wirklich verstehen und annehmen zu können. Ein Coaching, das auf die Ansprüche hochsensibler Menschen eingeht, kann beim selbstbewussten und authentischen Umgang mit der eigenen Hochsensibilität im beruflichen und privaten Alltag wirkungsvoll unterstützen.

„Ich habe herausgefunden, dass es erheblicher Anstrengung bedarf, bis HSP ihre negativen Auffassungen gegenüber ihrer Sensibilität ablegen und diese wahrhaftig schätzen lernen.“
Elaine Aron

Zuverlässige Informationsquellen:

Eine Fülle von Informationen in englischer Sprache einschließlich Hinweise auf neueste Forschungen findet man auf der Website von Elaine Aron: https://hsperson.com

Die Forschungsgruppe rund um Michael Pluess an der Queen Mary University of London bietet die Inhalte ihrer Website zum Thema Hochsensibilität auch auf Deutsch an: www.sensitivityresearch.com/de/
Nicht wundern: Das Forschungsteam nimmt eine etwas andere Einteilung der Bevölkerung vor und geht von 30 % Hochsensiblen aus und verwendet für sie die Blumenmetapher der Orchidee (versus 30 % mit relativ geringer Sensibilität –  Blume: Löwenzahn – und 40 % mit durchschnittlicher Sensibilität – Blume: Tulpe)

 

 


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