Abgrenzung von Hochsensibilität und Hochbegabung – Seite 4

Gehen Hochsensibilität und Hochbegabung Hand in Hand?

Hält man sich an die oben genannte Definition von Hochbegabung und geht von 2,3 Prozent Hochbegabten sowie von 15–20 Prozent Hochsensiblen aus, dann können rein rechnerisch nicht alle Hochsensiblen zugleich hochbegabt sein. (Umgekehrt wäre es von den Prozentzahlen her zwar möglich, dass alle Hochbegabten auch hochsensibel sind, aber auch das ist wohl eine irrige Annahme.)

HSP wird zu Recht immer wieder eine ausgesprochene Wahrnehmungsbegabung zugesprochen. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie in derselben Weise Informationen aufnehmen und verarbeiten, wie dies für Hochbegabte kennzeichnend ist. Während sich die Wahrnehmung bei Hochbegabten sehr stark auf eine Fülle von Sachinformationen und komplizierte logische Zusammenhänge bezieht, achten HSP sehr stark auf Sinneseindrücke und Emotionen (selbst subtile) bei sich selbst und anderen. Hohe Empathiefähigkeit, emotionale Irritierbarkeit und Verletzlichkeit, typische Merkmale für HSP, sind keine Kennzeichen von reiner Hochbegabung.

HSP sind zumeist stark im assoziativen Denken, im Querverbindungen-Herstellen, im bildhaften Erinnern und in der Intuition. Sie sind meist vielseitig interessiert, machen sich viele Gedanken, können recht komplex, analysierend, differenziert und abstrahierend denken. Das alles ist aber dennoch nicht vergleichbar mit der geistigen Wachheit, der Fähigkeit zur Komplexitätsbewältigung, dem Maß an Denkaktivität, der Gedächtnisleistung und der Abstraktionsfähigkeit von Hochbegabten.

Michaela* (48), eine hochsensible Coachingnehmerin, berichtete mir: „Ich habe noch keinen IQ-Test gemacht. Das bei mir ist sicher keine Hochbegabung. Mein verstorbener Bruder war hochbegabt (nicht hochsensibel). Ich bin damit aufgewachsen und wusste immer, dass er es war und ich nicht. Meine Tochter ist hochbegabt. Und meine ehemalige Chefin ist ganz offensichtlich hochbegabt. Meine Tochter hat sich mit 5 das Lesen beigebracht und schon immer hochintelligente Fragen gestellt. Mein Bruder auch. Und er tat sich sehr leicht mit dem Lernen. Meine Chefin konnte wirklich fünf Sachen gleichzeitig, telefonieren, kopieren, mir was erklären, rechnen und schreiben, und das alles in einer abartigen Geschwindigkeit. Wenn ich mir die drei Schlauen anschaue und mich daneben stelle, dann weiß ich, dass ich nicht hochbegabt bin. Was mich klar unterscheidet, ist die Auffassungsgabe und die Geschwindigkeit. Ich kann nur bestimmte Informationen schnell, gut und komplex aufnehmen und verarbeiten. Wenn Infos eine bestimmte Größe überschreiten und dann auch noch zu schnell auf mich einwirken, spüre ich sofort die Reizüberflutung und mache dicht. Das kenne ich von den Hochbegabten um mich herum nicht. Im Gegenteil, sie laufen dann zur Hochform auf. Ab da wird es für sie erst spannend.“ *Name geändert

Jürgen vom Scheidt, Autor des Buches „Das Drama der Hochbegabten“, sieht als zentrale Fähigkeit der Hochbegabten, in hohem Maße vernetzt zu denken und kreative und innovative Neuschöpfungen hervorzubringen. Er spricht vom labyrinthisch-vernetzten Denken und führt aus: „Hochbegabte sind Vernetzer. Und das mit unglaublich hohem Tempo. Vernetzung und Geschwindigkeit – das ist die eigentliche Zauberformel, die hinter den Aussagen eines IQ von 130 aufwärts steckt.“ Er beruft sich auf informationspsychologische und gehirnphysiologische Untersuchungsbefunde, wenn er schreibt: „Vieles deutet darauf hin, dass Hochbegabung auf einer angeborenen Fähigkeit des Gehirns beruht, Informationen schneller und komplexer zu verarbeiten, als es Normalbegabten möglich ist.“ Gerade im gedanklichen Vernetzungsgrad und in der Denkgeschwindigkeit sehe ich einen wesentlichen Unterschied von Hochbegabten und Hochsensiblen!

Dem Büchlein „25 beliebte Mythen zum Thema Hochbegabung … und die nackte Wahrheit“ des Bremer Hochbegabten-Coachs Detlef Scheer habe ich einige bezeichnende Aussagen über Hochbegabte entnommen, die meines Erachtens einerseits Ähnlichkeiten zwischen Hochbegabten und Hochsensiblen aufzeigen, andererseits aber auch die Unterschiede verdeutlichen:

„Hochbegabte begreifen oft schnell und scheinbar ohne jede Anstrengung.“ (eine gewisse Ähnlichkeit)

„Die arrogante Wirkung Hochbegabter kommt meist dadurch zustande, dass Hochbegabte wegen ihrer in der Tat schnelleren Auffassungsgabe oft ungeduldig und unnachsichtig wirken [Anm.: vielleicht auch sind!] gegenüber Mitmenschen, die langsamer sind und denen man manche Dinge mehrfach erklären muss, damit sie sie verstehen.“ (eine gewisse Parallele)

„Hochbegabte springen oft von einem Thema zum anderen – und das mitten im Gespräch.“ (Ähnlichkeit)

„Hochbegabte können problemlos 5-7 Gedankengänge im Kopf parallel managen, ohne aus der Ruhe zu kommen.“ (Unterschied!)

„Viele Hochbegabte berichten, dass sie ständig mehrere Themen gleichzeitig bearbeiten.“ (eher Unterschied!)

„Hochbegabte sind überhaupt nur glücklich, wenn sie etwas lernen können, und das muss neu sein, herausfordernd, irgendwie schwierig. […] Hochbegabte sind oft regelrechte Informationsverarbeitungsmaschinen, die bei Stillstand in einen Zustand der Unruhe fallen, bis sie wieder etwas gefunden haben, was neu und interessant ist.“ (Unterschied; wobei es HSP auch schnell langweilig wird!)

„Nichts tun, das geht gar nicht. Damit tun sich die meisten Hochbegabten außerordentlich schwer!“ (Ähnlichkeit)

„Manche Menschen können es sich einfach nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die hartnäckig an einem Thema bleiben, bis es für sie endgültig geklärt ist.“ (Parallele, m.E. unterscheiden sich die Themenschwerpunkte: Hochbegabte: Sachthemen. HSP: Zwischenmenschliches)

„Hochbegabte neigen manchmal dazu, Interessen nachzugehen, die keinen Bezug zu anderen gerade anwesenden Menschen haben.“ (Unterschied!)

Meine Erkenntnisse sind folgende: Hochbegabte, die nicht zufällig zugleich hochsensibel sind, sind nicht intensiv emotional, nicht so sehr darauf ausgerichtet, gefühlsmäßige Signale von anderen aufzufangen und verfügen auch nicht über ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen. Mitunter liegt hier bei ihnen sogar eher ein Schwachpunkt. Ihre Welt ist vornehmlich die der Zahlen, Daten, Fakten und der Logik, ihre Problemlösungsstrategien liegen im sachlich-logisch-argumentativen Bereich. Ihr Interesse an anderen Menschen bezieht sich vorrangig auf deren Gedanken, weniger auf deren Gefühle, Stimmungen und Befindlichkeiten. Der spannende und befruchtende intellektuelle Austausch ist für sie der bevorzugte Weg, Verbindung herzustellen.

Nur Hochbegabten kann es ohne Weiteres gelingen, sich ganz in ihrem eigenen Denkkosmos zu bewegen und ihre Mitmenschen gedanklich beiseite zu lassen, während HSP ihre Mitmenschen irgendwie immer im Blick sowie im Denken und Fühlen haben, in ihrer Konzentrationsfähigkeit durch Reize verschiedenster Art (besonders durch andere Menschen!) leicht zu stören sind, relativ schnell das Stadium der Reizüberflutung erreichen und dann danach trachten, den Zufluss weiterer Reize (Eindrücke, Informationen) zu vermeiden.

Das Perfektionsstreben Hochbegabter scheint mir deutlich mehr auf die Sache gerichtet zu sein als darauf, es anderen recht machen zu wollen, wie dies bei den Hochsensiblen häufig der Fall ist. Die Erwartungen anderer zu erfüllen und Harmonie zu schaffen bzw. zu erhalten, steht bei den Hochbegabten in der Regel nicht im Vordergrund. Entsprechend sind sie meist weniger geneigt, sich vom Urteil anderer abhängig zu machen und scheuen sich weniger, gegen Autoritäten aufzubegehren, wenn sie auf tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeit und Inkompetenz stoßen.

Seite 1: Verquickung von Hochbegabung und Hochsensibilität in manchen Büchern
Seite 2: Begriffsklärungen rund um Hochbegabung und Hochsensibilität
Seite 3: Das Konzept der Hochbegabung in Frage gestellt
​Seite 4: Gehen Hochbegabung und Hochsensibilität Hand in Hand? (Sie befinden sich auf dieser Seite!)
Seite 5: Trotz Gemeinsamkeiten die Phänomene auseinander halten

Ulrike Hensel

ist seit 1999 selbstständig als Lektorin und Textcoach für Selbstständige und bietet seit 2010 außerdem Coaching für Hochsensible an. In ihren Coachings und Workshops unterstützt sie Hochsensible darin, sich in ihrer hochsensiblen Wesensart zu erkennen und ihr Leben im Einklang damit zu gestalten. Als Autorin möchte sie Einsichten ermöglichen, ermutigen und inspirieren. Ihr Grundlagenbuch zum Thema Hochsensibilität hat den Titel "Mit viel Feingefühl - Hochsensibilität verstehen und wertschätzen" (Junfermann). An Fachleute im Coaching und in der Beratung richtet sich ihr zweites Buch "Hochsensible Menschen im Coaching - Was sie ausmacht, was sie brauchen und was sie bewegt" (ebenfalls Junfermann). Ein weiteres Buch ist in Arbeit ...

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Hallo Ulrike,

    eine kurzer Gedanke meinerseits zum Thema:
    Ist es denn dann nicht schwieriger herauszufinden, ob ein Hochsensibler auch tatsächlich hochbegabt ist? Nehmen wir an, der Hochsensible befindet sich ständig in Reizüberflutung – dieser kann doch dann niemals sein volles Potential abrufen…
    Als Hochsensibler sollte man dann schon darauf achten, dass man ausgeruht und mit einem reizbefreiten Nervensystem zum IQ-Test antritt. Ansonsten könnte ich mir vorstellen, dass eine Hochbegabung in einem zu unruhigen Umfeld unerkannt bleiben könnte.

    Herzlichen Dank nochmals für deine klaren Worte zu diesem wichtigen Thema,
    Julia

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    • Hallo Julia, ja, ich sehe dieselbe Schwierigkeit wie du, dass ein HSP in einem IQ-Test durch seine Aufregung nicht die eigentlichen kognitiven Leistungen abrufen kann.
      Selbst wenn man darauf achtet, ausgeruht zum Test anzutreten, ist natürlich die Testsituation an sich als Ausnahmesituation potenziell aufregend. Auch ein schwaches allgemeines Selbstvertrauen kann im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung das Ergebnis negativ beeinflussen. Unter Umständen könnte eine individuelle Testung besser geeignet sein als ein Gruppentest. Ich halte es auch für wichtig, dass es eine Besprechung zu der Auswertung gibt.
      Das sind die Gedanken, die ich dazu gerade habe.

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