Abgrenzung von Hochsensibilität und Hochbegabung

Sind Hochsensible auch hochbegabt?

Von Ulrike Hensel, geschrieben im Juni 2013, überarbeitet und ergänzt im Juli 2015

Mein Experten-Thema ist die Hochsensibilität. Ich selbst bin hochsensibel und nicht hochbegabt. Aus diesem Blickwinkel nähere ich mich dem Phänomen Hochbegabung und bin um eine sachliche Differenzierung von Hochsensibilität und Hochbegabung bemüht.

Immer mal wieder werden die Begriffe Hochsensibilität (HS) und Hochbegabung (HB) in einem Atemzug genannt, zu einem Doppelpack geschnürt, was vielfach Verwirrungen in der Kommunikation und Missverständnisse hervorruft. Diese möchte ich hier so gut es geht aufklären, um ein hilfreiches Verständnis zu ermöglichen.

Die Quintessenz meiner Ausführungen vorweg: Obwohl Hochbegabung und Hochsensibilität in einigen Punkten Ähnlichkeiten aufweisen (z. B. übergreifendes, vernetztes Denken) und beides durchaus auch gemeinsam vorkommen kann, sind das – nach allem, was ich weiß – zwei einzelne, voneinander unabhängige Phänomene, die nicht in einen Topf geworfen werden sollten.

Mit dieser Annahme stehe ich nicht allein.
Im Mitgliedermagazin „Intensity“ des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V. war im Dezember 2014 ein Beitrag mit dem Titel „Hochbegabt und hochsensibel?“, geschrieben von Dr. jur. Michael Jack, dem Präsidenten des IFHS. Darin heißt es: „Die Frage nach dem Verhältnis von Hochsensibilität zu Hochbegabung ist eines der klassischen Diskussionsthemen in der Hochsensiblen-‚Szene‘. Bis Mitte 2013 stellten wir das Problem dar, ohne uns allzu prononciert zu positionieren. Heute sehen wir uns dazu in der Lage, eine relativ ‚klare Ansage‘ zu machen. […] Der IFHS vermutet nun ganz offiziell, dass zwischen Hochsensibilität und Hochbegabung – im Sinne eine IQ größer/gleich 130 – keine besondere Korrelation besteht. Beschlossen und verkündet.“ Der vollständige Artikel kann in einem pdf der Intensity-Ausgabe 7/2014, S. 45ff nachgelesen werden. Siehe: Unterseite „Infobroschüre, Intensity & Co.“ auf der Website vom IFHS)
http://www.hochsensibel.org/startseite/infobroschuere-intensity-a-co.html

Die Verquickung von Hochbegabung und Hochsensibilität

Einen der Gründe für die Vermengung der Begriffe hochbegabt und hochsensibel sehe ich in der Themenbehandlung von Hochbegabung in einigen viel beachteten Büchern. So zum Beispiel im Buch „Jenseits der Norm – hochbegabt und hoch sensibel?“ von der Psychologin Andrea Brackmann (Klett-Cotta). Was die meisten nicht wissen: Zu dem Zeitpunkt, als Andrea Brackmann ihr Buch schrieb, das 2005 herauskam, war ihr mit ziemlicher Sicherheit der Terminus Hochsensibilität, wie er von Elaine Aron geprägt wurde, und das Phänomen als solches noch unbekannt. Wer genau hinsieht, bemerkt, dass „hoch sensibel“ in zwei Wörtern geschrieben ist. Elaine Aron ist in ihrer Literaturliste nicht aufgeführt.

Ich habe im Jahr 2012 versucht, mit Frau Brackmann Kontakt aufzunehmen, um mit ihr über die Abgrenzung der Begriffe zu sprechen, musste aber leider erfahren, dass sie sich aus Gesundheitsgründen ganz von der Arbeit zurückgezogen hat.

Intelligenz hat laut Andrea Brackmann viel mit der Fähigkeit zu tun, sich zu wundern, Fragen zu stellen und Erklärungen zu suchen. Intelligent zu sein, bedeutet für sie, „wachsam und feinfühlig zu sein, aufmerksam zu beobachten, das Gegebene zu hinterfragen, daraus Schlüsse zu ziehen und Lösungen abzuleiten.“ Brackmann schließt ihr erstes Kapitel mit der Feststellung: „Die größte Stärke und zugleich die größte Schwäche Hochbegabter sind also die Komplexität ihres Denkens, die Sensibilität ihres Gefühlslebens und die Differenziertheit ihrer Wahrnehmung.“ Darin findet sich wohl jede HSP wieder!

Schließlich beschreibt Andrea Brackmann in ihrem Folgebuch „Ganz normal hochbegabt, Leben als hochbegabter Erwachsener“ (Klett-Cotta), wie herausfordernd der Umgang mit der eigenen Sensibilität sei. Die schwer zu bewältigende Lebensaufgabe bestehe darin, den „schmalen Grat zu finden, sich dieser irrwitzigen Fülle äußerer und innerer Eindrücke zu stellen und sich zugleich immer wieder davor zu schützen“. Darin liegt wahrlich auch eine Kunst für HSP!

Ich vermute, dass Frau Brackmann selbst hochbegabt und hochsensibel ist und daher die Kennzeichen von Hochbegabung und die von Hochsensibilität vermischt, wobei sie selbst einschränkend schreibt, dass es den typischen Hochbegabten nicht gebe.
Allgemein kann man wohl sagen, dass Autoren, die in ihren Veröffentlichungen hochsensibel und hochbegabt verquicken, entweder ein spezielles Verständnis von „Hochbegabung“ haben oder selbst tatsächlich hochsensibel und hochbegabt sind und von sich auf die Allgemeinheit der Hochsensiblen bzw. Hochbegabten schließen.

Ich möchte noch zwei weitere Beispiele anfügen. Folgende Aussage über Hochbegabte von Dr. Jürgen vom Scheidt aus seinem Buch „Das Drama der Hochbegabten“ (Piper) könnte meines Erachtens ebenso für Hochsensible getroffen werden: „Verallgemeinernd und vereinfachend könnte man formulieren, dass wohl alle Hochbegabten irgendwie in stärkerem oder anderem Maße wahrnehmen, fühlen und denken als andere. Oft sind sie (und häufig auch ihre Umgebung) genau damit schlichtweg überfordert.“

Auch die Philosophin Dr. Katharina Fietze, die das Buch „Kluge Mädchen – Frauen entdecken ihre Hochbegabung“ (Orlanda) geschrieben hat, sieht eine hohe Sensibilität als wesentliche Eigenschaft Hochbegabter. Sie geht bei Hochbegabten von einer neuronalen Empfindlichkeit aus, die den ganzen Menschen durchdringt. „Sie sitzt als gesteigerte intellektuelle Aufnahmebereitschaft im Geist, als emotionale Sensibilität in der Seele und als erhöhte Sinneswahrnehmung im Körper. […] Die drei Komponenten der Hochbegabung kommen in einem Paket und gehören zusammen. Daher kann man auch nicht auf der einen Seite die Intellektualität fördern und auf der anderen Seite die hoch emotionale und sensorische Sensibilität wegtherapieren. […] Wer alle drei Komponenten als Kompetenzen ansieht, hat die Chance, intensives Denken, Fühlen und Wahrnehmen miteinander arbeiten zu lassen und im Zusammenspiel fruchtbar zu machen.“

Seite 1: Verquickung von Hochbegabung und Hochsensibilität in manchen Büchern (Sie befinden sich auf dieser Seite!)
Seite 2: Begriffsklärungen rund um Hochbegabung und Hochsensibilität
Seite 3: Das Konzept der Hochbegabung in Frage gestellt
​Seite 4: Gehen Hochbegabung und Hochsensibilität Hand in Hand?
Seite 5: Trotz Gemeinsamkeiten die Phänomene auseinander halten

Ulrike Hensel

hat Angewandte Sprachwissenschaft studiert und ist Diplom-Übersetzerin. Schon immer interessierte sie sich für Sprache, für Menschen und für persönliche Entwicklung. Sie ist seit 1999 selbstständig als Lektorin und Textcoach und bietet seit 2010 zudem Coaching für hochsensible Erwachsene an. In ihren Coachings und Workshops unterstützt sie Hochsensible darin, sich in ihrer hochsensiblen Wesensart zu erkennen und ihr privates und berufliches Leben im Einklang damit zu gestalten. Als Autorin möchte sie Erkenntnisse ermöglichen, zudem ermutigen und inspirieren. Ihr Basisbuch zum Thema Hochsensibilität hat den Titel "Hochsensibilität verstehen und wertschätzen" und ist 2018 in 2. überarbeiteter Neuauflage erschienen, (Junfermann-Verlag, Paderborn). An Fachleute im Coaching und in der Beratung richtet sich ihr zweites Buch "Hochsensible Menschen im Coaching - Was sie ausmacht, was sie brauchen und was sie bewegt" (Junfermann, 2015). Das jüngste Buch klärt Menschen im Umfeld von Hochsensiblen auf: "Hochsensible Mitmenschen besser verstehen" (Junfermann, 2018). Ulrike Hensel behandelt das Thema Hochsensibilität sachlich und neutral, verknüpft es vor allem mit dem der Kommunikation.

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